KALTER ENTZUG
Eine düster-groteske Novelle
Ein göttlicher Entschluss.
Ein unerbittlicher Rechnungsprüfer.
Und ein Totenreich, das keine Formfehler verzeiht.
Friedrich Kleimen, Herrscher des Schattenreichs, raucht nicht aus Schwäche. Er qualmt mit finsterer Verbissenheit, um der Schöpfung durch einen monumentalen Ausstieg seine überlegene Willenskraft zu beweisen.
Doch sein frisch importiertes Ordnungssystem gerät ins Wanken, als Franz Griesa vor den Eisentoren aufschlägt: Der am Schreibtisch verstorbene Controller lässt sich weder durch Zerlegung noch ewige Verdammnis beugen. Er rügt einen Formfehler bei der Zuteilung, pocht auf Rechtsbehelfsfristen und verlangt ordentliche Dienstwege. Um den pedantischen Querulanten im System zu halten und sein Know-how abzuschöpfen, schließen Gott und Sterblicher einen Pakt: ein Entwöhnungs-Coaching auf Erfolgsbasis.
Für Friedrich reine Routine. Umso willkommener ist ihm der anstehende Ausflug in die Welt der Lebenden – nirgends lässt sich subtile Schikane für die eigene Verwaltung schließlich besser studieren als im modernen Büroalltag. Doch dieser Vormittag entgleist vollends. Eine Kette grotesker Verzettelungen sprengt Friedrichs penibel getaktete Agenda, und der Abstecher in eine fanatische Nichtraucherfirma gipfelt in einem Trümmerfeld aus Glas und Knochen. Völlig aus seinem System geraten, kehrt er an die Tore des Schattenreichs zurück – wo ein kosmisches Gesetz auf ihn wartet, das selbst für den eigenen Schöpfer keinen Ermessensspielraum kennt.
Eine bitterböse, kafkaeske Groteske über bürokratischen Kontrollwahn, militanten Konformismus und die fatale Hybris absoluter Macht.
Edition »ex negativo«
Manchmal lässt sich das Wesen einer Sache erst dann begreifen, wenn man ihren Gegenentwurf betrachtet. Die Philosophie kennt dafür das Verfahren der Bestimmung ex negativo: Ein Begriff wird nicht durch das definiert, was er darstellt, sondern durch das, was er ausschließt. Im Negativ wird die Kontur des Positiven sichtbar; das Licht offenbart sich erst an der Härte des Schattens.
Die Edition ex negativo überträgt diesen Gedanken auf die Erzählliteratur.
Die Bände dieser Reihe widmen sich nicht den harmonischen Glättungen des Alltags, sondern den Bruchstellen zwischenmenschlicher Ordnung. Sie versammeln düster-groteske Novellen, Parabeln und Gedankenexperimente an den Schnittstellen von Social Horror, Satire und Weird Fiction.
Es sind Geschichten über Systeme, die nach scheinbar unumstößlicher Logik funktionieren – und genau darin ihren Wahn entfalten. Sie erzählen von bürokratischer Kontrollwut und steriler Konzernhygiene, von der Hybris heroischer Willenskraft, absurden Zwangskategorisierungen und jener unerbittlichen Pedanterie, mit der Ordnungen bis in die Ewigkeit hinein verwaltet werden.
Die Texte dieser Edition verzichten bewusst auf episches Beiwerk. Sie suchen die radikale Verdichtung der klassischen Novelle: eine unerhörte Begebenheit, ein straffer Spannungsbogen, ein unerbittlicher Zirkelschluss. Es geht nicht um die bequeme Ausdehnung eines Plots, sondern um die Destillation einer Idee bis auf ihren existentiellen Kern.
Wer diese Geschichten liest, betritt eine Welt der verzerrten Spiegel. Sie erteilen keine moralische Belehrung, sondern fordern den Mut zum Blick in den Abgrund – um auf der Kehrseite des Absurden vielleicht zu erahnen, was Menschsein, Autonomie und Würde eigentlich bedeuten.




